Wer heute über das stillgelegte Rollfeld in Tegel läuft, steht auf einem der spannendsten Stücke Berliner Geschichte. Hier startete einmal Wernher von Braun seine Raketen, hier landeten die Rosinenbomber der Luftbrücke, hier hob das Sechseck-Terminal ab, das eine ganze Generation West-Berliner als Tor zur Welt kannten. Und ein paar Kilometer weiter, hinter dem 65 Meter hohen Borsigturm, schlägt bis heute das industrielle Herz des Bezirks.
Reinickendorf ist der grüne Norden Berlins, ein Bezirk aus Seen, Forsten und Dörfern, der trotzdem Weltgeschichte geschrieben hat. Diese Chronik führt vom mittelalterlichen Angerdorf um 1230 über die Borsig-Lokomotiven und den französischen Sektor bis zur Urban Tech Republic auf dem alten Flughafen.
- Mittelalterliche Anfänge: Dörfer in der Heide
- 1375: Das Landbuch und ein besonderer Status
- Schloss Tegel und das Erbe der Humboldts
- 1898: Borsig kommt nach Tegel
- 1920: Reinickendorf wird Berliner Bezirk
- NS-Zeit: Wittenau und die Verbrechen der Psychiatrie
- Der französische Sektor in West-Berlin
- 1948: Luftbrücke und der Flughafen Tegel
- 1963: Das Märkische Viertel
- Nach 1990: Wende und Strukturwandel
- Ab 2020: Tegel wird zur Urban Tech Republic
- Quellen
Mittelalterliche Anfänge: Dörfer in der Heide
Anders als die Doppelstadt Berlin/Cölln entstand Reinickendorf nicht als Markt an einer Handelsstraße, sondern als Reihe von Bauerndörfern in einer kargen Landschaft aus Heide, Forst und Seen. Im Zuge der askanischen Kolonisation entstanden hier um 1230 mehrere Angerdörfer, darunter das namensgebende Reinickendorf selbst.
Der Ortsname geht vermutlich auf einen frühen Siedler oder Lokator namens Reinhard zurück, niederdeutsch Reinicke, weshalb das mittelalterliche Dorf als "Reynkendorp" überliefert ist.1 Auch Tegel am gleichnamigen See wurde um 1230 von deutschen Siedlern angelegt. Die geringe Größe der Feldmark und einige alte Flurnamen deuten darauf hin, dass hier zuvor ein slawisches Dorf bestand.2
Das älteste der heutigen Reinickendorfer Stadtteile ist jedoch Lübars. Es wurde 1247 erstmals urkundlich als "Lubars" erwähnt und gilt als ältestes erhaltenes Dorf Berlins, das bis heute seinen ländlichen Charakter mit Dorfanger und Kirche bewahrt hat.3
1375: Das Landbuch und ein besonderer Status
Greifbar werden die Dörfer im Norden mit dem Landbuch Kaiser Karls IV. von 1375, einem der wichtigsten mittelalterlichen Steuer- und Besitzverzeichnisse der Mark Brandenburg. Für Lübars verzeichnet es 28 Hufen, einen Krug und einen Schulzen, ein typisches kleines Angerdorf der Region.4
Reinickendorf nahm dabei eine Sonderrolle ein. Von 1397 bis 1632 und erneut ab 1710 gehörte es nicht einem privaten Gutsherren, sondern als Kämmereidorf direkt der Stadt Berlin. Seine Abgaben flossen also in die Berliner Stadtkasse.5
Das ungeliebte Kind
Über Jahrhunderte blieb Reinickendorf ein armes Bauerndorf am Rand der Residenz. Noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts lebten hier nicht einmal 200 Menschen. Erst die Industrialisierung sollte aus dem Heidedorf eine Großgemeinde machen.
Schloss Tegel und das Erbe der Humboldts
Den ersten Glanz brachte nicht die Industrie, sondern die Bildung. Das Schloss Tegel war ursprünglich ein Renaissance-Gutshaus, das die Familie von Humboldt erwarb. Hier verbrachten die Brüder Wilhelm und Alexander von Humboldt einen Teil ihrer Kindheit.6
Zwischen 1820 und 1824 ließ Wilhelm von Humboldt das Haus durch den Architekten Karl Friedrich Schinkel zu einem klassizistischen Schloss umbauen, das bis heute als Humboldtschloss bekannt ist und sich weiterhin in Familienbesitz befindet. Der angrenzende Schlosspark mit dem Grab der Humboldts gehört zu den stillen Sehenswürdigkeiten des Bezirks.7
1898: Borsig kommt nach Tegel
Den entscheidenden Wandel löste ein Lokomotivbauer aus. Die Firma Borsig, im Berliner Wedding zu groß geworden, verlegte ihre Produktion 1898 auf ein rund 22 Hektar großes Gelände in Tegel, das sowohl über die Wasserstraße als auch über die Eisenbahn erschlossen war.8
Das neue Werk mit eigenem Hafen produzierte Lokomotiven, Dampfmaschinen und Kältemaschinen. Die Architekten Konrad Reimer und Friedrich Körte schufen das markante Borsigtor im Stil märkischer Backsteingotik, das bis heute an ein mittelalterliches Stadttor erinnert. Für die Belegschaft entstand zugleich die Werkssiedlung Borsigwalde.9
Eines der ersten Hochhäuser Berlins, mitten in einer Lokomotivfabrik.
Zwischen 1922 und 1924 entstand nach Plänen des Architekten Eugen Schmohl der 65 Meter hohe Borsigturm, ein Stahlskelettbau mit Backsteinfassade, der je nach Definition als erstes Hochhaus Berlins gilt. Die rasch wachsende Industrie ließ die Einwohnerzahl der Gemeinde Reinickendorf bis 1910 auf über 34.000 steigen, mehr dazu in unserem Überblick zu den Einwohnern Reinickendorfs.10
1920: Reinickendorf wird Berliner Bezirk
Mit dem Groß-Berlin-Gesetz vom 27. April 1920, in Kraft getreten am 1. Oktober 1920, wurde aus der wohlhabenden Industriegemeinde der zwanzigste Verwaltungsbezirk Berlins. Reinickendorf gab dem neuen Bezirk seinen Namen.11
Der Bezirk wurde aus mehreren bis dahin selbstständigen Landgemeinden zusammengesetzt. Die größte war Reinickendorf selbst mit rund 41.000 Einwohnern, dazu kamen Tegel, Wittenau, Hermsdorf, Lübars, Heiligensee, der westliche Teil von Rosenthal sowie der Gutsbezirk Frohnau und mehrere Forsten.12
Eine spätere Korrektur folgte 1938: Reinickendorf erhielt den nördlichen Teil der Jungfernheide von Charlottenburg, während die Kolonie Wilhelmsruh an Pankow abgegeben wurde. Wie sich der Bezirk seither entwickelt hat, zeigen die Zahlen in unserer Reinickendorf-Statistik.13
NS-Zeit: Wittenau und die Verbrechen der Psychiatrie
In der NS-Zeit wurde Reinickendorf zum Schauplatz eines der dunkelsten Kapitel der Berliner Medizingeschichte. Die 1880 als Irrenanstalt Dalldorf gegründete und 1905 in Wittenauer Heilstätten umbenannte Klinik war die älteste und bekannteste psychiatrische Anstalt der Reichshauptstadt.14
Sie spielte eine zentrale Rolle in der nationalsozialistischen "Euthanasie". Patienten wurden zwangssterilisiert und im Rahmen der Mordaktion "T4" in Tötungsanstalten deportiert. In der Kinderfachabteilung Wiesengrund wurden zwischen 1942 und 1945 Kinder Menschenversuchen ausgesetzt und viele von ihnen ermordet.15
Totgeschwiegen
Die Aufarbeitung begann erst spät. Sämtliche Personal- und Verwaltungsakten der Jahre 1933 bis 1945 fehlen. Erst die Ausstellung "totgeschwiegen" von 1988 brachte die NS-Verbrechen in den Wittenauer Heilstätten an die Öffentlichkeit. Die heutige Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik trägt seit 1957 ihren Namen.
Auch in der Rüstungsindustrie des Bezirks, etwa in den Borsigwerken, kamen während des Krieges Zwangsarbeiter zum Einsatz. Bei den alliierten Luftangriffen der Jahre 1943 bis 1945 wurden Teile Reinickendorfs zerstört, im April und Mai 1945 fiel der Bezirk im Vormarsch der Roten Armee.16
Der französische Sektor in West-Berlin
Mit der Aufteilung Berlins in vier Sektoren kam der Norden der Stadt zu Frankreich. Reinickendorf bildete zusammen mit dem Wedding ab Juli 1945 den französischen Sektor und gehörte damit nach der Teilung zu West-Berlin.17
Die französische Militärpräsenz prägte den Bezirk über Jahrzehnte. Das Hauptquartier der Forces Françaises à Berlin lag im Quartier Napoléon, einer früheren Luftwaffenkaserne, die im August 1945 von den französischen Truppen übernommen wurde. In Wittenau entstand mit der Cité Foch eine eigene Wohnsiedlung für französische Familien, die auf ihrem Höhepunkt 1991 rund 2.600 Bewohner zählte.18
1946 wurde in Reinickendorf erstmals seit 1933 wieder ein kommunales Bezirksparlament gewählt. Die französischen Streitkräfte blieben bis 1994, das Quartier Napoléon übernahm danach die Bundeswehr und benannte es 1995 in Julius-Leber-Kaserne um.
1948: Luftbrücke und der Flughafen Tegel
Schon 1930 hatte das spätere Flughafengelände Geschichte geschrieben: Auf dem Raketenflugplatz Tegel experimentierten ab 1930 Pioniere wie Rudolf Nebel und Wernher von Braun mit Flüssigkeitsraketen.19
Berühmt wurde Tegel jedoch durch die Berlin-Blockade. Als die Sowjetunion 1948 die Landwege nach West-Berlin sperrte, errichteten die Alliierten in nur wenigen Wochen einen neuen Flugplatz für die Luftbrücke. Ab dem 5. August 1948 wurde gebaut, am 5. November 1948 landete die erste Maschine. Die Start- und Landebahn war mit rund 2.400 Metern die damals längste Europas.20
Aus dem Luftbrücken-Notbehelf wurde West-Berlins ziviles Tor zur Welt. 1960 nahm Air France den Linienverkehr auf, und am 23. Oktober 1974 wurde das berühmte sechseckige Hauptterminal der Architekten von Gerkan, Marg und Partner eröffnet, das mit kurzen Wegen vom Auto zum Flugzeug Maßstäbe setzte.21
1963: Das Märkische Viertel
Der Mauerbau von 1961 verschärfte die Wohnungsnot im eingeschlossenen West-Berlin. Als Antwort entstand zwischen 1963 und 1974 am nördlichen Rand Reinickendorfs eine der größten und umstrittensten Großsiedlungen Deutschlands, das Märkische Viertel.22
Auf rund 3,2 Quadratkilometern errichtete die kommunale GESOBAU nach Plänen der Architekten Werner Düttmann, Hans Christian Müller und Georg Heinrichs etwa 17.000 Wohnungen für rund 40.000 Menschen. Anfangs als anonyme Schlafstadt kritisiert, gilt das Viertel nach einer energetischen Sanierung der Jahre 2008 bis 2015 heute als eine der größten Niedrigenergie-Siedlungen des Landes. Aktuelle Mietwerte findest du im Mietspiegel Reinickendorf.23
Nach 1990: Wende und Strukturwandel
Mit dem Mauerfall 1989 verlor Reinickendorf seine Randlage. Der Abzug der französischen Truppen 1994 hinterließ große Kasernen- und Wohnflächen, die neu genutzt werden mussten. Gleichzeitig setzte ein industrieller Strukturwandel ein: Die klassische Schwerindustrie der Borsigwerke schrumpfte, das alte Werksgelände wurde unter dem Namen Borsigturm zu einem Einkaufs- und Gewerbestandort umgebaut.24
Auch die Verwaltung ordnete sich neu. 1999 wurde das Märkische Viertel ein eigener Ortsteil, 2012 entstand aus Teilen Wittenaus der neue Ortsteil Borsigwalde. Wie sich die Wohn- und Lebenskosten im Bezirk seither entwickelt haben, zeigt unser Überblick zu den Lebenshaltungskosten in Reinickendorf.25
Ab 2020: Tegel wird zur Urban Tech Republic
Das größte Kapitel der jüngeren Geschichte begann mit einem Abschied. Am 8. November 2020 hob in Tegel die letzte Maschine ab, nach der Eröffnung des Flughafens Berlin Brandenburg wurde der Betrieb eingestellt. Damit endete eine über siebzig Jahre alte Ära der Luftfahrt im Norden Berlins.26
Auf dem rund 500 Hektar großen Areal entsteht seither eines der ehrgeizigsten Stadtentwicklungsprojekte Europas. Geplant sind drei ineinandergreifende Teile: die Urban Tech Republic als Forschungs- und Industriepark für urbane Technologien, das Schumacher-Quartier mit über 5.000 Wohnungen in Holzbauweise für mehr als 10.000 Menschen sowie ein großer Landschaftsraum.27
Herzstück der Urban Tech Republic wird die Berliner Hochschule für Technik, die in das denkmalgeschützte Sechseck-Terminal einziehen soll. Die ersten Bewohner des Schumacher-Quartiers sollen in den späten zwanziger Jahren einziehen, die volle Entwicklung des Geländes ist auf rund zwei Jahrzehnte angelegt.28
So schließt sich ein Kreis. Wo einst Raketen starteten und Rosinenbomber landeten, soll ein Quartier der Zukunft wachsen. Was bleibt, ist der Charakter des grünen Nordens: Seen, Forsten und Dörfer wie Lübars, die den Bezirk bis heute prägen.