Reinickendorf taucht in keinem Reiseführer ganz oben auf. Wer an Berlin denkt, denkt an Mitte, an die Museumsinsel, an Kreuzberg. Dabei liegt im Norden der Stadt ein Bezirk, der mehr Wald, Wasser und Dorfidylle versammelt als fast jeder andere: vom Tegeler See, dem zweitgrößten Gewässer Berlins, bis zu den Wiesen des Tegeler Fließ an der alten Grenze nach Brandenburg.
Die Mischung macht den Reiz aus. Hier stehen ein Schloss, das Wilhelm von Humboldt von Karl Friedrich Schinkel umbauen ließ, das erste buddhistische Kloster Europas, das älteste Hochhaus Berlins und ein Bauerndorf mit Kopfsteinpflaster, das noch immer von Pferden und Feldern lebt. Die folgenden elf Orte sind ein guter Anfang.
- 1. Tegeler See und Greenwich-Promenade
- 2. Schloss Tegel (Humboldt-Schloss)
- 3. Das Buddhistische Haus in Frohnau
- 4. Der Borsigturm in Tegel
- 5. Das Tegeler Fließ
- 6. Das Dorf Lübars
- 7. Der Flughafensee am alten Tegel
- 8. Die Gartenstadt Frohnau
- 9. Die Humboldt-Bibliothek in Tegel
- 10. Der Tegeler Forst
- 11. Das alte Heiligensee
1. Tegeler See und Greenwich-Promenade
© Avda
Der Tegeler See ist das Herz des Bezirks und nach dem Großen Müggelsee das zweitgrößte Gewässer Berlins. Eine Bucht der Havel, weit verzweigt, mit bewaldeten Ufern und sieben Inseln, von denen die Insel Scharfenberg die bekannteste ist. Wer aus der Stadt kommt, erreicht den See in wenigen Minuten zu Fuß vom U-Bahnhof Alt-Tegel, dem nördlichen Endpunkt der U6.
Das Schaufenster des Sees ist die Greenwich-Promenade, eine breite Uferpromenade mit alten Platanen, benannt nach dem Londoner Partnerbezirk. Von hier legen die Ausflugsschiffe der Reederei ab, die über die Havel bis nach Spandau und Wannsee fahren. An Sommerwochenenden ist es voll, im Frühling und Herbst aber gehört die Promenade fast den Spaziergängern allein.
Wer mehr Ruhe sucht, geht weiter Richtung Norden in den Tegeler Forst, einen der größten Wälder Berlins, oder setzt mit der kleinen Fähre auf die Greenwich-Insel über. Eine Bootstour oder ein gemietetes Ruderboot zeigen den See von seiner schönsten Seite: still, grün und überraschend abgeschieden für eine Millionenstadt.
2. Schloss Tegel (Humboldt-Schloss)
© Sekamor
Wenige Hundert Meter vom Seeufer entfernt liegt das Schloss Tegel, oft Humboldt-Schloss genannt. Ursprünglich ein Renaissance-Gutshaus, ließ es Wilhelm von Humboldt zwischen 1820 und 1824 von Karl Friedrich Schinkel zum klassizistischen Landsitz umbauen. Schinkel setzte an die vier Ecken Türme, in deren Nischen Kopien antiker Götterfiguren stehen, ein Echo der Bildungsreisen der Humboldts.
Wilhelm von Humboldt, der große Bildungsreformer und Sprachforscher, und sein Bruder Alexander, der Naturforscher, wuchsen hier auf. Das Schloss ist bis heute in Familienbesitz und beherbergt Humboldts Antikensammlung sowie Originalmöbel aus der Schinkel-Zeit. Innen ist es daher nur im Sommer und meist nur im Rahmen einer Führung zu besichtigen.
Frei zugänglich sind der englische Landschaftspark und die Humboldt-Grabstätte am Rand des Geländes, ein stiller Ort mit einer Säule, die von einer Kopie der Hoffnungsfigur des dänischen Bildhauers Bertel Thorvaldsen gekrönt wird. Vom Schloss aus lässt sich der Spaziergang gut mit dem Seeufer verbinden.
3. Das Buddhistische Haus in Frohnau
© Josue007
Versteckt im waldigen Villenviertel von Frohnau liegt eines der ungewöhnlichsten Denkmäler Berlins. Das Buddhistische Haus wurde 1924 vom Arzt und Schriftsteller Paul Dahlke gegründet und gilt als das älteste buddhistische Zentrum Europas. Eine breite Freitreppe, gesäumt von steinernen Löwen und Stupas, führt den Hang hinauf zu den weißen Tempelgebäuden.
Seit den 1950er Jahren wird die Anlage von der German Dharmaduta Society aus Sri Lanka betreut, die hier den Theravada-Buddhismus pflegt. Das Haus steht unter Denkmalschutz und ist als Stätte des kulturellen Erbes eingestuft. Bibliothek, Meditationsraum und der von Bambus umgebene Garten lassen schnell vergessen, dass man sich in Berlin befindet.
Der Garten und die Terrassen sind an bestimmten Tagen für Besucher geöffnet, der Eintritt ist frei, eine Spende willkommen. Vom S-Bahnhof Frohnau sind es einige Minuten Fußweg durch ruhige Straßen. Wer leise auftritt und sich respektvoll bewegt, erlebt einen der friedlichsten Orte der Stadt.
4. Der Borsigturm in Tegel
© Eugen Schmohl (Architekt)
Am Rand von Tegel, gleich am U-Bahnhof Borsigwerke, ragt ein schlanker Backsteinturm auf, der ein Stück Industriegeschichte erzählt. Der Borsigturm wurde 1922 bis 1924 nach Entwürfen von Eugen Schmohl errichtet und gilt als das erste Hochhaus Berlins. Mit seinem gestaffelten Aufbau und der expressionistischen Klinkerfassade war er das Wahrzeichen der Lokomotivfabrik Borsig, die hier einst zu den größten Maschinenbauern Europas gehörte.
Borsig baute in Tegel Dampflokomotiven und Industrieanlagen, die in die ganze Welt gingen. Vom alten Werksgelände sind die markante Toranlage, mehrere denkmalgeschützte Hallen und eben der Turm erhalten. Ein Teil des Areals ist heute das Einkaufszentrum Hallen am Borsigturm, sodass sich Industriedenkmal und Alltag direkt nebeneinander finden.
Der Turm selbst ist nicht öffentlich begehbar, aber von außen ein Hingucker, besonders wenn die Abendsonne den roten Klinker zum Leuchten bringt. Wer Industriearchitektur mag, verbindet den Besuch mit einem Spaziergang zum nahen Tegeler Hafen und der Berliner Mauer am Wasser.
5. Das Tegeler Fließ
© Membeth
Das Tegeler Fließ ist ein kleiner Bach mit großer Wirkung. Es entspringt in Brandenburg und schlängelt sich durch den Norden Reinickendorfs, bis es in den Tegeler See mündet. Auf seinem Weg hat es ein breites, von der letzten Eiszeit geformtes Tal aus Niedermoorwiesen, Schilf und Erlenbruchwald hinterlassen, eines der wertvollsten Naturschutzgebiete Berlins.
Ein gut ausgeschilderter Wanderweg begleitet das Fließ über mehrere Kilometer durch Hermsdorf und Lübars. Stege aus Holz führen über die nassen Wiesen, im Frühjahr blühen hier Sumpfdotterblumen, und mit Glück sieht man Eisvögel oder Biber. Es ist eine der wenigen Stellen in Berlin, an denen Landschaft noch beinahe ungezähmt wirkt.
Am schönsten ist die Strecke zwischen dem S-Bahnhof Hermsdorf und dem Dorf Lübars, eine ruhige Halbtageswanderung am Wasser entlang. Wer mag, kehrt unterwegs in eine der Gaststätten am Fließ ein und kombiniert die Natur mit einem Stück Berliner Idylle.
6. Das Dorf Lübars
© Leonhard Lenz
Lübars ist das letzte echte Bauerndorf im Berliner Stadtgebiet. Um den dreieckigen Dorfanger gruppieren sich noch immer Höfe, Stallungen und alte Bauernhäuser, dazu eine kleine Feldsteinkirche aus dem 18. Jahrhundert. Hier gibt es Reiterhöfe, Pferdekoppeln und Felder, und an manchen Tagen klappert tatsächlich ein Traktor übers Kopfsteinpflaster.
Das Dorf wurde im 13. Jahrhundert urkundlich erwähnt und hat seinen ländlichen Charakter erstaunlich bewahrt. Im Kalten Krieg lag Lübars direkt an der Grenze: Hinter den Feldern verlief die Mauer, und der Mauerweg führt bis heute am Ortsrand entlang, sodass sich Idylle und Zeitgeschichte hier eng berühren.
Lübars ist nicht an die U- oder S-Bahn angeschlossen, was zum verwunschenen Charme beiträgt. Bus oder Fahrrad bringen dich hin, und das Dorf ist der ideale Start- oder Endpunkt einer Wanderung durchs Tegeler Fließtal. Eine der rustikalen Gaststätten am Anger rundet den Ausflug ab.
7. Der Flughafensee am alten Tegel
© Gregor Heise
Direkt neben dem ehemaligen Flughafen Tegel liegt der Flughafensee, ein durch Kiesabbau entstandener Baggersee mit erstaunlich klarem Wasser. Auf der einen Seite ein beliebtes Strandbad mit Sand und Liegewiese, auf der anderen ein strenges Vogelschutzgebiet, das der Naturschutzbund über Jahrzehnte aufgebaut hat. Wegen der guten Sicht ist der See auch bei Tauchern beliebt.
Lange flogen die Maschinen direkt über die Badegäste hinweg, ein kurioses Markenzeichen des Ortes. Seit der Flughafen Tegel geschlossen ist, ist es ruhiger geworden, und das Gelände ringsum verwandelt sich nach und nach in ein neues Stadtquartier und einen Forschungs- und Industriepark.
Der See ist vom U-Bahnhof Otisstraße zu Fuß erreichbar. Das Vogelschutzgebiet kann auf einem Lehrpfad mit Beobachtungspunkten erkundet werden, an dem mehr als hundert Vogelarten kartiert sind. Für ein Bad an einem heißen Tag ist der Flughafensee eine der schönsten Adressen im Berliner Norden.
8. Die Gartenstadt Frohnau
© Jmsanta
Frohnau ist die jüngste und vielleicht grünste Villenkolonie Berlins, angelegt ab 1908 als Gartenstadt nach englischem Vorbild. Statt geschlossener Häuserzeilen gibt es geschwungene Straßen, breite Vorgärten und Villen jeder Stilrichtung, eingebettet in alten Baumbestand. Wer durch Frohnau spaziert, versteht schnell, warum der Ort als eines der vornehmsten Wohnviertel der Stadt gilt.
Das Herz der Anlage bildet das Ensemble um den Zeppelinplatz mit dem markanten Casino-Gebäude und der gegenüberliegenden Ladenzeile, beides denkmalgeschützt und um den S-Bahnhof gruppiert. Von hier strahlen die Wohnstraßen sternförmig in die Landschaft aus. Der nahe Ludwig-Lesser-Park, benannt nach dem Gartenarchitekten der Kolonie, lädt zum Verweilen ein.
Frohnau ist bequem mit der S-Bahn der Linie S1 zu erreichen, dem nördlichsten Bahnhof Berlins. Ein Bummel durch die stillen Straßen lässt sich gut mit dem Besuch des Buddhistischen Hauses verbinden, das nur wenige Minuten entfernt im selben Villenviertel liegt.
9. Die Humboldt-Bibliothek in Tegel
© Barnos
Am Tegeler Hafen steht ein Bau, der unter Architekturfreunden weit über Berlin hinaus bekannt ist. Die Humboldt-Bibliothek wurde Ende der 1980er Jahre im Rahmen der Internationalen Bauausstellung errichtet, entworfen vom amerikanischen Architekten Charles Moore mit seinem Büro. Mit ihrer rosafarbenen Fassade, der langen Pergola und den verspielten Säulen ist sie ein Schlüsselwerk der Postmoderne.
Die Bibliothek ist Teil eines größeren Ensembles am neu gestalteten Tegeler Hafen, zu dem auch Wohnhäuser bekannter Architekten und eine geschwungene Fußgängerbrücke über das Hafenbecken gehören. Hier trifft alte Industrie auf bewusst heitere Baukunst der 1980er Jahre, ein lohnendes Ziel auch für jeden, der nicht lesen will.
Vom U-Bahnhof Alt-Tegel ist es ein kurzer Weg zum Hafen. Die Bibliothek ist zu den Öffnungszeiten frei zugänglich, der Hafenplatz davor ist im Sommer ein belebter Ort mit Wasserblick. Wer den Borsigturm besucht, hat den Hafen ohnehin gleich um die Ecke.
10. Der Tegeler Forst
© Graccem
Nördlich und westlich des Tegeler Sees breitet sich der Tegeler Forst aus, einer der größten zusammenhängenden Wälder Berlins. Kiefern und Eichen, dazwischen Buchen und uralte Einzelbäume, machen ihn zu einem klassischen märkischen Mischwald. Mehrere ausgewiesene Naturdenkmäler stehen hier, darunter besonders mächtige alte Eichen, die seit Jahrhunderten an Ort und Stelle wachsen.
Der Forst ist ein Naherholungsgebiet im besten Sinne: ein dichtes Netz aus Wander-, Reit- und Radwegen, ruhige Lichtungen und immer wieder Blicke aufs Wasser, denn der Wald reicht direkt bis ans Seeufer. An vielen Stellen lässt sich Waldspaziergang und Badetag mühelos verbinden.
Vom U-Bahnhof Alt-Tegel oder der Greenwich-Promenade aus taucht man in wenigen Minuten in den Wald ein. Wer länger unterwegs sein will, folgt den Wegen Richtung Heiligensee und Konradshöhe und erreicht von dort weitere stille Buchten der Havel.
11. Das alte Heiligensee
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Ganz im Nordwesten, dort wo Berlin in die brandenburgische Landschaft übergeht, liegt das alte Heiligensee. Der Ortskern um die Dorfaue herum war einst ein Fischerdorf an der Havel und hat sich bis heute seinen ruhigen, dörflichen Charakter bewahrt. Namensgeber ist der gleichnamige See, ein klares Gewässer mit bewaldeten Ufern, abseits der großen Besucherströme.
Heiligensee gehört zu den ältesten Siedlungen des Bezirks und lag im Kalten Krieg in einem schmalen Zipfel West-Berlins, ringsum von der Mauer und der Grenze umschlossen. Heute führt der Berliner Mauerweg am Ortsrand entlang und macht diese Vergangenheit auf Schritt und Tritt sichtbar.
Mit der S-Bahn der Linie S25 ist Heiligensee gut erreichbar. Vom Bahnhof sind es ein paar Minuten zum See und zum alten Dorfkern. Für alle, die das ruhige, fast ländliche Berlin suchen, ist dieser nordwestliche Winkel ein lohnendes Ziel, gern in Verbindung mit einer Wanderung am Havelufer.
- Insel Scharfenberg: Mitten im Tegeler See liegt die bewaldete Insel Scharfenberg, auf der seit 1922 eine reformpädagogische Schule arbeitet. Eine kleine Fähre verbindet die Insel mit dem Festland. Das Ufer ist teils öffentlich zugänglich, und die ruhige Insellage macht den kurzen Übersetzer zu einem kleinen Abenteuer mitten in der Stadt.
- Sechserbrücke in Tegelort: Die historische Fußgängerbrücke über die Havel bei Tegelort verdankt ihren Spitznamen dem alten Brückenzoll von sechs Pfennig. Die filigrane Stahlkonstruktion aus dem Jahr 1908 verbindet Tegelort mit Saatwinkel und bietet einen schönen Blick aufs Wasser, weit weg vom Trubel der Greenwich-Promenade.
- Ludwig-Lesser-Park in Frohnau: Der nach dem Gartenarchitekten der Kolonie benannte Park ist das grüne Rückgrat von Frohnau. Angelegt als Teil der Gartenstadt, zieht er sich mit Wiesen, altem Baumbestand und versteckten Wegen durch das Villenviertel. Ein stiller Ort zum Spazieren, der vielen Berlinern völlig unbekannt ist.
Reinickendorf belohnt alle, die den Weg nach Norden auf sich nehmen. Schloss und Buddhistisches Haus, Industriedenkmal und Bauerndorf, Seen und Wälder liegen so dicht beieinander, dass sich aus zweien oder dreien dieser Orte mühelos ein ganzer Tag bauen lässt.
Am schönsten verbindet man die Ziele zu Fuß oder mit dem Rad: vom Tegeler See durch den Forst nach Heiligensee oder vom Bahnhof Hermsdorf am Tegeler Fließ entlang bis nach Lübars. So zeigt sich der grüne Norden Berlins genau so, wie er gemeint ist, nämlich ohne Eile.