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Lokales

Reinickendorf Lost Places: 12 vergessene Orte im Bezirk

Eine erzählerische Reise zu den verschwundenen, stillgelegten und überwucherten Orten in Reinickendorf.

Von Holger Pietsch | 14. Juni 2026
Reinickendorf Lost Places: 12 vergessene Orte im Bezirk © Arne Müseler / Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0 de)
Das markante sechseckige Terminal A des stillgelegten Flughafens Tegel, ikonischer Lost Place in Reinickendorf.

Reinickendorf reicht von den Werkhallen in Tegel bis zu den Tonstichen und Mooren am Tegeler Fließ, und kaum ein anderer Berliner Bezirk hat seine Identität so stark aus Industrie, Verkehr und Militär gezogen. Hier baute Borsig Lokomotiven für halb Europa, hier landeten während der Luftbrücke die Rosinenbomber, hier zogen Franzosen und Sowjets ihre Garnisonen hoch, und hier verschwanden Bahnhöfe im Mauerstreifen. Diese Dichte an Funktionen hat eine Dichte an Resten hinterlassen.

Wir laufen durch die vergessenen und stillgelegten Orte des Bezirks, vom entwidmeten Flughafen Tegel über verlandete Kiesgruben bis zu den Trassenresten der Kremmener Bahn, ohne zum Betreten gesperrter Areale aufzurufen. Vieles davon liegt offen am Wegesrand oder ist von Wald und Schilf überwachsen, anderes nur noch als Spur im Stadtplan zu erahnen.

Wichtiger Hinweis: Viele der genannten Orte sind Privatgelände, militärische Liegenschaften, Bahnbetriebsflächen oder gesicherte Industriegrundstücke. Das Betreten ist verboten und gefährlich. Dieser Text ist ein historischer Rundgang aus sicherer Entfernung, keine Anleitung zum Urban Exploring.

Was dich erwartet

1. Flughafen Tegel (TXL)

Das markante sechseckige Terminal A von Tegel, kurz vor der Stilllegung des Flughafens.
Das markante sechseckige Terminal A von Tegel, kurz vor der Stilllegung des Flughafens. Foto: Arne Müseler / Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0 de)
  • Lage: Tegel, zwischen Kurt-Schumacher-Damm und Jungfernheide
  • In Betrieb: 1948 bis 2020
  • Heute: entwidmet, im Umbau zur Urban Tech Republic
  • Schutz: seit 2019 unter Denkmalschutz

Der sechseckige Terminal A von Tegel galt jahrzehntelang als einer der praktischsten Flughäfen der Welt, weil die Wege vom Auto zum Gate kaum hundert Meter betrugen. Gebaut wurde die Piste 1948 in nur wenigen Wochen für die Berliner Luftbrücke, später machte ihn das Architektenbüro gmp zum ikonischen Sechseck der Siebziger.1

Mit der Eröffnung des BER schloss Tegel am 8. November 2020 endgültig und wurde im Mai 2021 als Flughafen entwidmet. Seitdem liegt das riesige Areal in einem seltsamen Zwischenzustand, in dem das denkmalgeschützte Hauptgebäude auf seine neue Rolle als Forschungs- und Industriepark wartet.

2. Borsigwerke und Borsigturm

Das historische Borsigtor in märkischer Backsteingotik am Eingang des alten Werksgeländes in Tegel.
Das historische Borsigtor in märkischer Backsteingotik am Eingang des alten Werksgeländes in Tegel. Foto: A.Savin / Wikimedia Commons (FAL)
  • Lage: Tegel, Berliner Straße / Am Borsigturm
  • Erbaut: Borsigtor 1898, Borsigturm 1922 bis 1924
  • In Betrieb: Lokomotivbau bis in die 1950er Jahre
  • Heute: Einkaufszentrum, Büros und U-Bahnhof Borsigwerke

Auf dem 22 Hektar großen Werksgelände in Tegel baute Borsig einst Lokomotiven und beschäftigte über 7.000 Menschen, mit eigenem Hafen und eigener Arbeitersiedlung in Borsigwalde. Das Borsigtor von 1898 imitiert mit zwei Rundtürmen ein mittelalterliches Stadttor in märkischer Backsteingotik.2

Der 65 Meter hohe Borsigturm von Eugen Schmohl war 1924 das erste Hochhaus Berlins und beherbergte im Kopf einen Wasserbehälter für die Fabrik. Heute ist das Areal eines der gelungensten Beispiele für die Umnutzung alter Industrie, doch zwischen Shoppingmall und Backsteinexpressionismus bleibt die schwere Vergangenheit überall sichtbar.

3. Cité Foch

Das später abgerissene Einkaufszentrum der Cité Foch, lange ein leerstehendes Relikt der französischen Präsenz.
Das später abgerissene Einkaufszentrum der Cité Foch, lange ein leerstehendes Relikt der französischen Präsenz. Foto: Alexrk2 / Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)
  • Lage: Wittenau, an der Avenue Charles-de-Gaulle
  • Erbaut: 1952 bis 1976 für die französische Garnison
  • Leerstand: Einkaufszentrum ab 2006
  • Abgerissen: Zentrum 2016

Die Cité Foch entstand als Wohnsiedlung für die in Berlin stationierten französischen Streitkräfte und ihre Familien, mit eigenen Straßennamen wie Rue Racine und einem großen Versorgungszentrum samt Kino und Gesundheitseinrichtungen. Nach dem Abzug der Franzosen 1994 verlor das Quartier seinen Zweck.3

Das Einkaufszentrum an der Avenue Charles-de-Gaulle ging 1998 an einen privaten Investor, stand ab 2006 leer und verfiel zusehends, bevor es im Sommer 2016 vollständig abgerissen wurde. Die Wohnhäuser im Stil der Siebziger stehen bis heute und tragen die französische Vergangenheit der Siedlung weiter.

4. Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik (Wittenauer Heilstätten)

Die spätere Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik 1885, damals noch als Irrenanstalt Dalldorf.
Die spätere Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik 1885, damals noch als Irrenanstalt Dalldorf. Foto: Friedrich Albert Schwartz / Wikimedia Commons (Public domain)
  • Lage: Wittenau, Oranienburger Straße
  • Eröffnet: 1880 als Irrenanstalt Dalldorf
  • Gelände: rund 45 Hektar parkartiges Areal
  • Heute: teils Denkmal, Maßregelvollzug und Klinikneubau

Auf dem ehemaligen Gut Dalldorf eröffnete 1880 eine der größten psychiatrischen Anstalten Preußens, im Berliner Volksmund später als Bonnies Ranch bekannt. In der NS-Zeit wurden von hier aus Patienten in den Tod deportiert, woran heute eine Ausstellung und Gedenktafeln erinnern.4

Das weitläufige, fast waldartige Gelände an der Oranienburger Straße wirkt mit seinen alten Pavillons und der Leichenhalle bis heute aus der Zeit gefallen. Teile des Komplexes stehen unter Denkmalschutz, während andere abgerissen oder durch Neubauten ersetzt wurden.

5. Flughafensee

Der Flughafensee, das geflutete Restloch einer alten Kiesgrube am Rand des früheren Flughafens Tegel.
Der Flughafensee, das geflutete Restloch einer alten Kiesgrube am Rand des früheren Flughafens Tegel. Foto: Dirk Reichel / Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)
  • Lage: Tegel, südwestlich der ehemaligen Start- und Landebahn
  • Entstanden: 1953 bis 1978 durch Sand- und Kiesabbau
  • Heute: NABU-Vogelschutzreservat, weithin gesperrt
  • Highlight: über 490 Pflanzenarten auf altem Industriegrund

Der Flughafensee ist kein natürliches Gewässer, sondern das geflutete Restloch einer Kiesgrube, in der über Jahrzehnte Sand und Kies für den Berliner Bau gewonnen wurden. Aus der Wunde im Boden wurde eine der artenreichsten Naturoasen der Stadt.5

Seit 1983 betreut der NABU am Süd- und Westufer ein rund 26 Hektar großes Vogelschutzreservat, das zum Schutz der Tiere weitgehend gesperrt ist. Direkt neben der einstigen Piste sind hier Hunderte Pflanzen-, Schmetterlings- und Bienenarten dokumentiert, viele davon auf der Roten Liste.

6. Kremmener Bahn (Trassenreste)

Anlagen der Kremmener Bahn am Güterbahnhof Reinickendorf, fotografiert 1987 zu Zeiten der Teilung.
Anlagen der Kremmener Bahn am Güterbahnhof Reinickendorf, fotografiert 1987 zu Zeiten der Teilung. Foto: Roehrensee / Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)
  • Lage: von Schönholz über Tegel nach Heiligensee und Hennigsdorf
  • Aufgeständert: 1903 bis 1905
  • Stillgelegt: Betrieb nach Hennigsdorf 1984 eingestellt
  • Heute: teils reaktiviert, teils verfallener Bahndamm

Die Kremmener Bahn zweigt nördlich von Schönholz aus der Nordbahn ab und führte über Tegel ins Brandenburgische. Nach dem Mauerbau und der Einstellung des Verkehrs nach Hennigsdorf 1984 lag die Strecke in West-Berlin lange brach, und für die Autobahn wurde sogar ein Stück des Bahndamms abgetragen.6

Erst 1995 kehrte die S-Bahn bis Tegel zurück, 1998 wurde die Lücke nach Hennigsdorf geschlossen. Entlang der Trasse finden sich bis heute alte Brückenwiderlager, überwachsene Dammreste und Gleisstummel als stille Zeugen der Teilung.

7. Bahnhof Berlin-Wilhelmsruh (Heidekrautbahn)

Verfallene Gleisanlagen am alten Heidekrautbahnhof Wilhelmsruh vor der Reaktivierung.
Verfallene Gleisanlagen am alten Heidekrautbahnhof Wilhelmsruh vor der Reaktivierung. Foto: Ska13351 / Wikimedia Commons (Copyrighted free use)
  • Lage: an der Grenze von Reinickendorf zu Pankow
  • Eröffnet: 1901 als Berliner Endpunkt der Heidekrautbahn
  • Stillgelegt: Stammstrecke nach 1961 im Grenzgebiet abgebaut
  • Heute: in Reaktivierung, alte Anlagen teils erhalten

Der Bahnhof Wilhelmsruh war der Berliner Kopfbahnhof der Heidekrautbahn ins Niederbarnim, mit Güterschuppen, Lokschuppen, Kohleplatz und Wasserkran. Nach dem Mauerbau 1961 lag die Strecke im Grenzstreifen und wurde samt dem kleinen Bahnhofsgebäude abgerissen.7

Zwischen Wildwuchs lassen sich bis heute niedrige Bahnsteigkanten und kurze Schienenreste finden, Spuren eines vergessenen Verkehrsknotens. Inzwischen wird die Stammstrecke der Heidekrautbahn reaktiviert, sodass aus dem Lost Place wieder ein Bahnhof werden soll.

8. Raketenflugplatz Reinickendorf

Das Luftschiff LZ 3 über dem Militärgelände in Tegel 1909, auf dem später der Raketenflugplatz entstand.
Das Luftschiff LZ 3 über dem Militärgelände in Tegel 1909, auf dem später der Raketenflugplatz entstand. Foto: Unbekannt / Wikimedia Commons (Public domain)
  • Lage: auf dem späteren Flughafengelände Tegel
  • In Betrieb: 1930 bis 1934
  • Betreiber: Verein für Raumschiffahrt um Rudolf Nebel
  • Heute: im Gelände der Urban Tech Republic aufgegangen

Lange bevor in Tegel Verkehrsflugzeuge starteten, war das Gelände preußischer Artillerieschießplatz und ab 1906 Luftschiffhafen. Von 1930 an betrieb der Verein für Raumschiffahrt um Rudolf Nebel hier den Raketenflugplatz Reinickendorf und erprobte erste Flüssigkeitsraketen.8

Bei rund 87 Aufstiegen erreichten die Versuchsraketen Höhen bis 4.000 Meter, ein früher Schritt der deutschen Raketentechnik. Heute erinnert vor Ort kaum etwas an diese Pionierjahre, die Fläche ist im weitläufigen Areal des einstigen Flughafens und seiner Nachnutzung aufgegangen.

9. Quartier Napoléon

Sportveranstaltung 1981 im Quartier Napoléon, der damaligen französischen Garnison in Tegel.
Sportveranstaltung 1981 im Quartier Napoléon, der damaligen französischen Garnison in Tegel. Foto: Punter3 / Wikimedia Commons (CC BY-SA 4.0)
  • Lage: am Kurt-Schumacher-Damm, Tegel
  • Erbaut: ab 1933 als Caserne Hermann Göring
  • Französisch: 1945 bis 1994 Sitz der Streitkräfte in Berlin
  • Heute: Julius-Leber-Kaserne der Bundeswehr

Die ausgedehnte Kaserne am Kurt-Schumacher-Damm wurde ab 1933 für die Luftwaffe gebaut und nach Kriegsschäden 1945 von den Franzosen übernommen. Als Quartier Napoléon war sie fast ein halbes Jahrhundert das Hauptquartier der französischen Streitkräfte und Sitz des Stadtkommandanten in Berlin.9

Nach dem Abzug der Franzosen 1994 übernahm die Bundeswehr das Areal und benannte es 1995 in Julius-Leber-Kaserne um. Zwischen den Backsteinbauten der Dreißiger und den französischen Spuren der Nachkriegszeit liegt hier eine vielschichtige Militärgeschichte direkt nebenan.

10. Mauerreste am Tegeler Fließ

Ein erhaltenes Mauerfragment am Tegeler Fließ, heute eingebettet ins Naturschutzgebiet.
Ein erhaltenes Mauerfragment am Tegeler Fließ, heute eingebettet ins Naturschutzgebiet. Foto: Chris Alban Hansen / Wikimedia Commons (CC BY-SA 2.0)
  • Lage: Tegeler Fließ zwischen Lübars und Blankenfelde
  • Funktion: Grenze zwischen West-Berlin und der DDR
  • In Betrieb: 1961 bis 1989/90
  • Heute: Mauerfragment im Naturschutzgebiet

Das Tegeler Fließ markierte am Nordrand des Bezirks über Jahrzehnte die Grenze zwischen West-Berlin und der DDR, mitten durch Moorwiesen und Erlenbruch. Die Grenzanlagen schnitten Lübars von Blankenfelde ab und machten das idyllische Tal zur Sperrzone.10

Heute ist das Fließ ein Naturschutzgebiet, doch entlang der alten Trasse stehen noch Reste der Hinterlandmauer als stumme Zeugen der Teilung. Zwischen Schilf und Wiesen wirkt der graue Betonstummel wie ein Fremdkörper in der wiedergewonnenen Landschaft.

11. Lübarser Höhe (Trümmerberg)

Blick von der Lübarser Höhe, einem begrünten Trümmer- und Deponieberg am Rand der Feldmark.
Blick von der Lübarser Höhe, einem begrünten Trümmer- und Deponieberg am Rand der Feldmark. Foto: Lukas Beck / Wikimedia Commons (CC BY 4.0)
  • Lage: Lübars, am Rand der Feldmark
  • Aufgeschüttet: Mülldeponie, Parkanlage ab 1975
  • Untergrund: Trümmerschutt und Bunkerreste
  • Heute: Aussichtshügel im Landschaftsschutzgebiet

Die Lübarser Höhe ist kein gewachsener Berg, sondern eine begrünte Deponie, unter der sich Trümmer und Bauschutt der Nachkriegszeit auftürmen. In den Untergrund flossen unter anderem die Reste des nahen Hochbunkers M 1200, der 1947 von den Alliierten gesprengt worden war.11

Seit 1975 ist das knapp 40 Hektar große Areal als Freizeitpark angelegt und bietet einen weiten Blick über die Lübarser Felder. Wer hier steht, blickt von einem künstlichen Hügel aus zerstörter Stadt auf eine der letzten dörflichen Landschaften Berlins.

12. Ziegeleigruben Hermsdorf

Der Hermsdorfer Waldsee, entstanden aus einem verlandeten Tonstich der alten Ziegeleien.
Der Hermsdorfer Waldsee, entstanden aus einem verlandeten Tonstich der alten Ziegeleien. Foto: Leiwandesk / Wikimedia Commons (CC BY 3.0)
  • Lage: Hermsdorf, Bereich Seebadstraße / Waldsee
  • In Betrieb: Tonabbau ab etwa 1800
  • Stillgelegt: Ziegeleien um 1900 nicht mehr konkurrenzfähig
  • Heute: verlandete Tonstiche als kleine Seen und Badeplatz

Um 1800 wurden in Hermsdorf und Lübars Tonvorkommen entdeckt, und schnell entstanden Ziegeleien, die den Lehm zu Backsteinen für das wachsende Berlin brannten. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren die Betriebe nicht mehr konkurrenzfähig und mussten schließen.12

Zurück blieben tiefe Tonstiche, die sich mit Grundwasser füllten und heute als kleine Seen entlang der Seebadstraße liegen. Aus der ehemaligen Tongrube wurde der Hermsdorfer Waldsee, ein beliebter Badeplatz, an dessen Ufer einst das Restaurant Seeschloss stand.

Ausblick: Was bleibt, was verschwindet

Viele dieser Orte in Reinickendorf sind im Wandel. Einige werden saniert und umgenutzt, andere überbaut, wieder andere holt sich die Natur zurück. Der Reiz des Verfalls ist meist nur eine Phase, bevor ein Ort entweder verschwindet oder ein zweites Leben beginnt.

Wer diese Spuren lesen will, hat dafür oft nur ein begrenztes Zeitfenster. Was bleibt, sind die Schichten der Geschichte unter den neuen Quartieren, eingelagert in Straßennamen, Bahndämmen, Mauerresten und einzelnen Gebäuden, die man weiterhin entziffern kann.

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