Reinickendorf gilt vielen als der ruhige, grüne Norden Berlins, und gerade darin liegt seine Anziehungskraft. Zwischen dem Schloss Tegel der Familie Humboldt, den Borsig-Werken am Wasser und den Villengaerten von Frohnau und Hermsdorf haben Gelehrte, Industrielle, Künstler und Sportler ihre Spuren hinterlassen.
Manche wurden hier geboren, andere kamen, um in der Stille zu arbeiten oder schlicht zu Hause zu sein. Die folgende Auswahl reicht vom Sprachforscher des frühen 19. Jahrhunderts bis zur Bobpilotin unserer Tage und zeigt, wie vielfältig der Bezirk seine Bewohner geprägt hat und von ihnen geprägt wurde.
1. Wilhelm von Humboldt

- Lebensdaten: 1767 bis 1835
- Funktion: Sprachforscher, Gelehrter und Bildungsreformer
- Reinickendorf-Bezug: Verbrachte seine Jugend auf dem Familiensitz Schloss Tegel und ließ es ab 1820 von Schinkel umbauen
- Spuren heute: Schloss Tegel mit Humboldt-Museum und die Familiengrabstaette im Park
Wilhelm von Humboldt wuchs auf dem Tegeler Gut der Familie auf, das sein Vater 1766 erworben hatte. Den schlichten Vorgaengerbau ließ er zwischen 1820 und 1824 nach Entwürfen von Karl Friedrich Schinkel zu dem klassizistischen Schloss erweitern, das heute als Humboldt-Schloss bekannt ist.1
Als Begruender der Berliner Universität und als Sprachforscher wirkte Humboldt weit über Tegel hinaus, doch sein persönlicher Mittelpunkt blieb der See im Norden Berlins. Im Park des Schlosses liegt bis heute die Grabstaette der Familie, in der auch er selbst bestattet ist.
2. Alexander von Humboldt

- Lebensdaten: 1769 bis 1859
- Funktion: Naturforscher und Forschungsreisender
- Reinickendorf-Bezug: Wuchs gemeinsam mit seinem Bruder Wilhelm auf dem Gut Tegel auf
- Heute: Ruht in der Humboldt-Grabstaette im Park von Schloss Tegel
Alexander von Humboldt verbrachte seine Kindheit und Jugend auf dem Tegeler Familiengut, ehe ihn seine Forschungsreisen nach Südamerika und Zentralasien führten. Mit seinen Werken zur Natur und zum Klima der Erde wurde er zu einem der bekanntesten Wissenschaftler seiner Zeit.2
Dem Norden Berlins blieb er bis zuletzt verbunden. Nach seinem Tod 1859 wurde er in der Familiengrabstaette im Park von Schloss Tegel beigesetzt, nur wenige Schritte von dem Ort entfernt, an dem die Brüder aufgewachsen waren.
3. August Borsig

- Lebensdaten: 1804 bis 1854
- Funktion: Industrieller und Lokomotivenbauer
- Reinickendorf-Bezug: Sein Unternehmen verlegte seine Werke nach Tegel, der Ortsteil Borsigwalde trägt seinen Namen
- Spuren heute: Borsigturm, Borsigtor und das Areal Hallen Am Borsigturm in Tegel
August Borsig baute in Berlin eines der erfolgreichsten Maschinen- und Lokomotivenunternehmen seiner Zeit auf. Wenige Jahrzehnte nach seinem Tod zog die Produktion an einen neuen, 1898 eingeweihten Standort in Tegel, der über Wasser und Schiene erreichbar war und einen eigenen Hafen besaß.3
Für die Arbeiter entstand am Rand des Werks eine Siedlung, die nach dem Firmennamen Borsigwalde genannt wurde und seit 2012 ein eigener Ortsteil Reinickendorfs ist. Der Borsigturm und das erhaltene Borsigtor erinnern bis heute an die industrielle Vergangenheit des Bezirks.
4. Käthe Paulus

- Lebensdaten: 1868 bis 1935
- Funktion: Ballonfahrerin und Erfinderin des zusammenlegbaren Fallschirms
- Reinickendorf-Bezug: Wohnte und arbeitete in Reinickendorf, wo sie ihre Fallschirme fertigen ließ
- Spuren heute: Ehrengrab auf dem Dankes-Friedhof und Gedenktafel an der Gotthardstraße 105
Käthe Paulus war eine der bekanntesten Luftfahrtpionierinnen ihrer Zeit und gilt als Erfinderin des zusammenlegbaren Fallschirms. In Reinickendorf ließ sie mit einer Naeherinnenwerkstatt tausende Rettungsfallschirme fertigen, die im Ersten Weltkrieg vielen Ballonbeobachtern das Leben retteten.4
Bis zu ihrem Tod 1935 lebte sie im Bezirk. Eine Gedenktafel an der Gotthardstraße 105 erinnert an ihre Wohnung, ihr Ehrengrab liegt auf dem Dankes-Friedhof im Norden Berlins.
5. Carl Einstein
- Lebensdaten: 1885 bis 1940
- Funktion: Kunsthistoriker und Schriftsteller
- Reinickendorf-Bezug: Wohnte in Berlin-Frohnau an der Zeltinger Straße 54
- Bekannt für: Wegweisende Schriften zu Kubismus und afrikanischer Kunst
Carl Einstein zählte zu den einflussreichen Kunsttheoretikern der klassischen Moderne und schrieb frühe, vielbeachtete Studien zum Kubismus und zur afrikanischen Plastik. In Frohnau, dem ruhigen Villenort im Norden Reinickendorfs, hatte er zeitweise seinen Wohnsitz.5
Eine Gedenktafel an der Zeltinger Straße 54 erinnert an seine Frohnauer Jahre. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten emigrierte er nach Frankreich, wo er 1940 ums Leben kam.
6. Oskar Loerke

- Lebensdaten: 1884 bis 1941
- Funktion: Schriftsteller, Lyriker und Verlagslektor
- Reinickendorf-Bezug: Lebte in Berlin-Frohnau an der Kreuzritterstraße 8
- Spuren heute: Gedenktafel an seinem Wohnhaus in Frohnau
Oskar Loerke gehörte zu den bedeutenden Lyrikern der ersten Jahrhunderthaelfte und war über Jahre als Lektor im S. Fischer Verlag tätig. In Frohnau fand er einen Rückzugsort, der seiner naturnahen, von Landschaft geprägten Dichtung entsprach.6
An seinem Wohnhaus an der Kreuzritterstraße 8 erinnert eine Gedenktafel an den Dichter. Nach 1933 zunehmend isoliert, starb er 1941 in Frohnau.
7. Paul Dahlke

- Lebensdaten: 1865 bis 1928
- Funktion: Arzt und Wegbereiter des Buddhismus in Deutschland
- Reinickendorf-Bezug: Gründete 1924 in Frohnau Das Buddhistische Haus
- Spuren heute: Das Buddhistische Haus am Edelhofdamm, eines der ältesten buddhistischen Zentren Europas
Paul Dahlke war Arzt und einer der ersten, die den Buddhismus im deutschsprachigen Raum bekannt machten. Auf seinen Reisen, unter anderem nach Ceylon, hatte er sich der buddhistischen Lehre zugewandt und sie später in zahlreichen Schriften vermittelt.7
1924 ließ er in Frohnau Das Buddhistische Haus errichten, das als eines der ältesten buddhistischen Zentren Europas gilt. Nach seinem Tod 1928 wurde er auf dem Gelände des Hauses bestattet, das bis heute besteht.
8. Erna Lauenburger (Unku)
- Lebensdaten: 1920 bis 1944
- Funktion: Sintiza, Vorbild für eine Romanfigur
- Reinickendorf-Bezug: Geboren in Berlin-Reinickendorf
- Bekannt für: Vorbild für die Unku in Alex Weddings Roman Ede und Unku
Erna Lauenburger, genannt Unku, wurde 1920 in Reinickendorf geboren. Ihre Freundschaft mit der Autorin Grete Weiskopf wurde zur Vorlage für den 1931 erschienenen Jugendroman Ede und Unku, dessen Fotos die reale Familie Lauenburgers zeigen.8
Als Sintiza wurde sie von den Nationalsozialisten verfolgt, nach Auschwitz deportiert und dort 1944 ermordet. Ihr kurzes Leben steht stellvertretend für das Schicksal vieler Sinti aus Berlin.
9. Erich Kaestner

- Lebensdaten: 1899 bis 1974
- Funktion: Schriftsteller und Dichter
- Reinickendorf-Bezug: Lebte in den 1960er Jahren in Berlin-Hermsdorf
- Spuren heute: Wohnhaus an der Parkstraße und die nach ihm benannte Bibliothek
Erich Kaestner, einer der bekanntesten deutschen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, verbrachte Mitte der 1960er Jahre einige Jahre in Hermsdorf. Er wohnte in einem Haus an der Parkstraße, nahe dem Hermsdorfer See.9
Der ruhige Norden Reinickendorfs bot ihm einen Rückzugsort fernab des Trubels. Eine später nach ihm benannte Bibliothek im Bezirk hielt die Erinnerung an seinen Aufenthalt wach.
10. Katja Ebstein

- geboren 1945
- Funktion: Sängerin und Schauspielerin
- Reinickendorf-Bezug: Wuchs in Reinickendorf an der Eppensteinstraße auf
- Bekannt für: Drei Teilnahmen am Eurovision Song Contest
Katja Ebstein, geboren als Karin Witkiewicz, kam nach dem Krieg mit ihrer Familie nach Berlin und wuchs in Reinickendorf auf. Die Eppensteinstraße, an der sie lebte, gilt als Inspiration für ihren Künstlernamen.10
Mit Liedern wie Wunder gibt es immer wieder wurde sie zu einer der erfolgreichsten deutschen Teilnehmerinnen am Eurovision Song Contest. Neben ihrer Musik engagiert sie sich seit Jahrzehnten gesellschaftlich und sozial.
11. Horst Bosetzky

- Lebensdaten: 1938 bis 2018
- Funktion: Soziologe und Krimiautor (Pseudonym -ky)
- Reinickendorf-Bezug: Lebte über Jahre in Berlin-Frohnau
- Bekannt für: Begruender des deutschen Soziokrimis
Horst Bosetzky war Professor für Soziologie und zugleich einer der erfolgreichsten deutschen Krimiautoren, der unter dem Pseudonym -ky veröffentlichte. Er gilt als Begruender des Soziokrimis, der gesellschaftliche Verhältnisse in die Spannungshandlung einbezieht.11
Einen Teil seines Lebens verbrachte er in Frohnau. Der Bezirk Reinickendorf würdigte ihn mit der Humboldt-Medaille, und nach seinem Tod 2018 wurde an ihn im Centre Bagatelle in Frohnau erinnert.
12. Reinhard Mey

- geboren 1942
- Funktion: Liedermacher und Sänger
- Reinickendorf-Bezug: Geboren in Frohnau und bis heute dort wohnhaft
- Bekannt für: Lieder wie Über den Wolken und Gute Nacht, Freunde
Reinhard Mey wurde 1942 in Frohnau geboren und ist dem Ortsteil sein Leben lang treu geblieben. In den 1970er Jahren wurde er zum erfolgreichsten Liedermacher der Bundesrepublik, mit Liedern wie Über den Wolken und Gute Nacht, Freunde, die zum festen Bestandteil des deutschen Liedguts wurden.12
Anders als viele Künstler zog es ihn nie aus seiner Heimatstadt fort. Bis heute lebt er in dem ruhigen Villenort im Norden Reinickendorfs, der ihn geprägt hat.
13. Mariama Jamanka

- geboren 1990
- Funktion: Bobpilotin, Olympiasiegerin
- Reinickendorf-Bezug: Wuchs in Reinickendorf auf
- Bekannt für: Gold im Zweierbob bei den Olympischen Winterspielen 2018
Mariama Jamanka wuchs in Reinickendorf auf, wo sie zunächst Leichtathletik betrieb, ehe sie mit 23 Jahren zum Bobsport wechselte. Bei den Olympischen Winterspielen 2018 in Pyeongchang gewann sie als Pilotin die Goldmedaille im Zweierbob.13
Vier Jahre später holte sie in Peking Silber, ehe sie 2022 ihre Karriere beendete. Der Bezirk gratulierte seiner erfolgreichen Sportlerin öffentlich, später wechselte sie als Moderatorin ins Fernsehen.
Ausblick
Was diese Menschen verbindet, ist weniger ein gemeinsamer Beruf als ein gemeinsamer Ort. Reinickendorf bot mal das herrschaftliche Schloss am See, mal die Fabrik mit eigenem Hafen, mal das stille Haus hinter dem Gartenzaun, und immer wieder einen Boden, auf dem Lebenswege Wurzeln schlagen konnten.
Viele dieser Spuren sind bis heute sichtbar, in Straßennamen, Gedenktafeln, einem buddhistischen Tempel oder einem Ehrengrab. Wer mit offenen Augen durch Tegel, Frohnau oder Hermsdorf geht, begegnet ihnen fast beilaeufig und entdeckt dabei, wie viel Geschichte in diesem grünen Bezirk steckt.